zyklen und der werdegang eines bildes

es heißt, alle sieben jahre machen wir menschen eine komplette zellerneuerung durch.
so ein 7jahre-zyklus passiert jetzt bei meiner malerei.

jetzt muss ich zuerst muss ich kurz meine malweise erklären:
ich habe eine bestimmte anzahl von bildern, an denen ich solange male, bis man sie mir „wegnimmt“. ich fange nie ein bild mit einem weissen blatt und einer vorstellung im kopf an, sondern ich übermale meine vorhandenen werke immer und immer wieder. ich hole mir von zeit zu zeit eines hervor und sehe es solange an, bis ich etwas entdecke, das vorher nochnicht da war, einen ansatz für neues…
und diesesmal ist es wieder soweit. und das kam so:

rückblende:
im jahre 2002 habe ich, in anlehnung an rilkes duineser elegie, die serie „ein jeder engel ist schrecklich“ begonnen. 12 bilder, zwölf engel, die mit dem klassischen bild eines engels nichts gemeinsam hatten. meine engel waren in hoffnungsfroher verzweiflung, jeder hatte flügel, die nicht fliegen konnten und dennoch machten sie sich – zum teil kopfüber – für einem sturzflug bereit.

voriges jahr im herbst hatte ich auf dem dachboden des ateliers zu tun und habe dort etwas gefunden:
d006schilder Kopie
namensschilder von tieren des sees, die ausgestopft im museum(das mein atelier ursprünglich war)ausgestellt waren. und diese schilder haben in mir etwas ausgelöst, vorerst noch unbewusst, aber doch auf veränderung hindrängend…und ich begann in meinem bilder-fundus im kopf zu kramen…
und ich fand dieses bild:
aeng001 Kopie
es ist eines der engelbilder. und heute, nach sovielen jahren war es mir zu düster, zu porno, zu bedrohlich und ich habe die schwarzen flügel weiss übermalt…
und dann passierte wieder etwas scheinbar zufälliges, das den nächsten schritt auslöste:
ich hatte eine hitzige diskusion mit einem freund über das thema „schöne bilder malen“ und er wurde dabei so wütend dass er mir auftrug, den satz „kunst hat mit schönheit nichts zu tun“ 100x zu schreiben. was ich auch gemacht habe(nein,nicht100x;-) und zwar auch auf dieses engelbild mit den weissen flügeln
b003kunsthmschnzt Kopie
und so stand er dann da, mein engel. mit weissen flügeln und einer eindringlichen nachricht an mich schien er sich aus dem bild stürzen zu wollen…
c001wflug Kopie

tagelang hing er an der wand, tagelang schaute ich ihn an….
und dann passierte es, dann mischten sich die gefundenen namensschilder ein….
und plötzlich war er dann da, der musenkuss zum neuen bilderzyklus-thema
und plötzlich war ER da:
der erste vogel der serie „die tiere des neusiedlersees“
e164vog13 Kopie

steppenweihe, zwergstrandläufer, säbelschnäbler, sandregenpfeiffer, bruchwasserläufer!
ihr beflügelt mich!

20 Kommentare zu “zyklen und der werdegang eines bildes

  1. „gefällt mir“ ist ja gar kein ausdruck dafür, wie sehr mir das gefällt. nicht weil du nun vögel malst, sondern weil du so schön beschrieben hast, wie die bilder in deinem kopf, auf deinem dachboden, mit deinen fundstücken und letztlich unter deinen händen entstehen. das ist wie kino, nur besser!

    • beim ersten anblick der namensschildchen spürte ich sofort wieder den geschmack von staub auf der zunge (auch wenns die keimfreie digitale fotografie nicht zeigen will). aber am ende deiner bildgeschichte stand er dann plötzlich da, reingewaschen und selbstbewusst. falls du noch keinen namen für ihn hast, wie wärs mit “ PHÖNIX EX CINERIBUS RITTSTEUERIENSIS“.

      • mir ist schon klar, warum ihr meine wortschöpfung mit eisigem schweigen quittiert. es hätte natürlich heißen müssen „phoenix ex cineribus rittsteuerii“.
        aber so oder so ist mir mtrs neueste kreation, nach langem brüten ihrerseits, eben wie ein phönix aus der asche erschienen.

  2. moment, moment. mein latein ist ja nicht mehr das beste, aber zu soviel reicht es noch: „EX CINERIBUS RITTSTEUERIENSIS“ bedeutet soviel wie „aus der asche, nach art der rittsteuer“. und das ist mir bedeutend lieber als „ex cineribus rittsteuerii“, denn das heisst „aus der asche der rittsteuer“, was ja bedeutete, dass man die rittsteuer vorher hätte verbrennen müssen. das ist mir unsymphatisch, darum bevorzuge ich „EX CINERIBUS RITTSTEUERIENSIS“, so wie ich so ziemlich fast ungefähr alles rittsteureriensis mag. genug geklugscheissert. für mich sieht der vogel aus wie ein pinguin, der sich auf das indische holi-fest verirrt hat, jener asiatischen schwester-festivität der spanischen tomatina, bei der man sich mit paradeisern bewirft, bei der man sich mit bunten farben bewirft. (eigenlobt stinkt jabekanntlich, aber ich kann nicht umhin, darauf hinzuweisenn dass ich diesen schachtelsatz für ausserordentlich gelungen halte).

    • auch mein zweiter gedanke war königspinguin. vom königspinguin zum phönixpinguin ist es ja nun wirklich nur ein kleiner schritt. nachdem aber vor dem 2.juni 2013 noch kein derartiges tier am neusiedlersee existiert hat, handelt es sich also um eine neue art und wird, nach ihrem entdecker, einer gewissen rittsteuer, „phoenix ex cineribus rittsteuerii“ bezeichnet, sowie z.b. ein nach einem gewissen klein benannter falterfisch eben „chaetodon kleinii“ heißt. warum allerdings ein gelber tränen falterfisch „chaetodon interruptus“ heißt, weiß ich bis heute nicht.
      übrigens, nachdem du dich als meister des schachtelns (dein selbstlob ist durchaus angebracht) geoutet hast, wird vielleicht eines tages ein schachtelhalm (entdeckt auf einer wanderung durch das ida-gebirge) nach dir benannt. ich freu mich schon auf das enzzoooii.

  3. darauf freue ich mich auch. daher werde ich die wanderungen durch das gebirge korsikas, die ich in den nächsten beiden wochen unternehmen werde, was mich von mitteilungen hier und andernorts im weiten internet eventuell abhalten wird, ins augenmerk der schachtelhalme stellen und meine botanisiertrommel noch schnell polieren, auf dass sie blinke und leuchte, wenn sie vielleicht einen enzoiden aufbewahren wird.

    • wie ich sehe, hast du ohnehin das ideale gerät mitgehabt, in das wirklich alles hineinpasst, vorausgesetzt du hast genügend speicherplatz. sogar deinen tyrannosaurus rocks hast du mühelos untergebracht.

  4. das gefäss, von dem man glaubt, dass man darin seine eindrücke und gefühle an bislang unbekannten orten konservieren kann, wird mir immer verdächtiger, egal ob 32 oder 64 GB gross. statt zu staunen und zu riechen und zu fühlen tapert man durch den sucher linsend durch die gegend und versucht das gesehene so einzufangen, dass die daheimgebliebenen, denen man das eingelegte dann präsentiert, ebenso ahh und ohh machen wie man selbst; dieses tut man, weil man zeigen kann, dass man etwas gesehen hat, was der andere noch nicht gesehen hat, oder vielleicht auch aus uneitleren motiven. wieauchimmer – jedenfalls gelangte das gesehene direkter an die netzhaut und ungerahmter an die synapsen, hielte man sich mal kein elektrokastl vors eine auge, während das andere zugekniffen wird, was einen endgültig zum modernen polyphem auf freiwilliger basis werden lässt. darum lass ich das fotographier-gerät immer häufiger absichtlich zu hause. zur not tuts ja auch das handy, zb, wenn man unversehens einen tyrannosaurus rocks erblickt.

    • schön, dass ihr euch auch ganz ohne mein zutun so gut unterhaltet (-:

      zum tyrannosaurus rocks ist mir diese geschichtewieder eingefallen und dazu natürlich auch das da(ich hoffe, es funktioniert!)
      und damit ist jetzt klar, wo der beleidige dino hinverschwunden ist.

      (und man kann auch nur mit filzstift ausgestattet eindrücke und gefühle konservieren, dazu aber ein andermal mehr.)

      • and diese geschichte dachte ich auch sofort, als ich diesen kerl in der macchia sah. und die zoologische bezeichnung „tyrannosaurus rocks“ gefällt mir so, dass ich sie einfach immer verwende, wenn ich dieses foto herzeige, ohne nennung des urhebers, rudolph möge mir verzeihen, bitte :-)

    • deine kritik kann ich gut verstehen,es sind dieselben gedanken und überlegungen, die mich immer wieder beschäftigen. trotzdem möchte ich eine lanze für die fotografie brechen, begleitet sie mich doch schon fast ein ganzes leben lang. ich will mich aber jetzt nicht allzu sehr über dieses umfangreiche thema verbreitern, darum fürs erste nur ein foto, das ich erst kürzlich auf einer reise durch kärnten am affenberg gemacht habe. ich möchte diesen moment nicht missen, wo ich mit meiner guten spiegelreflex, einem entsprechenden tele und sehr guter auflösung im richtigen moment abdrücke (die verbindung zu meiner luftdruckjugend ist durchaus gewollt), um meine „beute“ zu hause nicht unstolz allen, die nicht bei drei auf den bäumen sind, zu zeigen und entsprechende rückmeldungen zu fordern.

      • wäre das auch sowas in deinem sinne
        in wirklichkeit ist es nur ein versuch, ein foto so elegant einzufügen, wie mtr es immer macht.

      • meine kritik ist ja nur eine theoretische. zu viel freude habe ich daran, etwas so einzufangen, dass es mir danach und noch jahre später gefällt. ich fotographiere ja auch schon seit meinen jugendtagen, das zweite selbstverdiente geld wurde in eine spiegelreflexkamera investiert (eine praktika LTL1000, lichtmessung durch das objektiv!!!, damals eine sensation,. das geräusch des kameraverschlusses hätte lazarus ohne göttliches zutun wieder aus dem schlaf erweckt), dann gab es jahre mit schwarzweissfotographie und selbst entwickeln und vergrössern, immer ein bisschen so, dass nicht genau das dabei herauskam, was ich wollte, nur engefähr, fast, weil etwas zu flau, etwas zu hart, da im schatten ein staubfussel im objektiv des vergrösserers, der sich knallweiss verewigt hatte, doch die geldbörse war knapp und die fotopapiere und chemikalien teuer. viele dieser bilder habe ich trotzdem heute noch. wenn man im freundeskreis etwas unternommen hatte und bereits am nächsten tag die fotos präsentieren konnte, war man ein held der geschwindigkeit, ein vorreiter der rasanz der digitalen welt, ohne von deren existenz in der zukunft zu wissen, dauerte das entwickeln und vergrössern eines filmes über das fotogeschäft meist länger als eine woche. und so eine leidenschaft soll einen ganz loslassen? das geht nicht.

        rudolphs fotos beinhalten aber noch eine weitere dimension neben beobachtungsgabe, belichtungsdzeit und blendenöffnung – die der geduld. für solche fotos muss man warten können und schauen – und da kommt die entschleunigung ins spiel, das sitzen und schauen, innehalten, das vielen, die fotographierend sehenswürdikeiten absolvieren, einfach fehlt.

        mein erstes, ebenfalls in einem ferialjob selbst verdientes geld legte ich, der vollständigkeit halber, in einem professionellen mikroskop an, also ebenfalls ein optisches gerät, das ich noch immer habe. die praktika hingegen gibt es nicht mehr, nach 25 jahren treuer, lautstarker dienste habe ich sie ausgesondert und einem sammler der analogen fotographiegeräte überlassen.

      • schön. schön, geschichten einer verwandten seele zu hören.
        dazu: einer meiner geburtstage war bereits so rund, dass ich mich zu einer retrospektive meiner fotografie entschloss. nachdem ich mehrere räume in wunderschönem ambiente zur verfügung hatte, konnte ich die bilder chronologisch ordnen. im ersten raum waren also die (selbstverständlich selber entwickelten) alten schwarz-weiß fotos zu sehen, im nächsten dann die ersten farbigen, bis hin zu den als höhepunkt meiner entwicklung gedachten experimentellen mehrfachbelichtungen. nach der vernissage dann aber der fast einheitliche tenor der rückmeldungen, mir ins ohr geraunt: „owa, waaßt eh, deine schwoaz-weissn, san oüwü nau die bestn“.

  5. Pingback: mein atelier und seine geschichte | wahrnehmungsfenster

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